Der Niedergang des guten Stils – Warum die Fashion-Industrie kämpfen muss

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Jeder, der sich mit der Modeindustrie beschäftigt, merkt: In der Branche rumort es gewaltig. Während die Handelsumsätze im Allgemeinen seit Jahren mehr oder weniger gleich bleiben, scheint die Shoppinglust in Sachen Mode deutlich gedämpft. Die Industrie, die einst ein Selbstläufer war, hat nun mit rückläufigen Verkaufszahlen zu kämpfen. Und über die Gründe lässt sich trefflich streiten. Schuldzuweisungen gibt es zuhauf.

So watschten jüngst Vogue-Redakteure Fashion-Blogger öffentlich dafür ab, permanent gegen Bezahlung in Outfits zu posieren, die ihnen von den Designern zur Verfügung gestellt wurden, und damit den Niedergang des guten Geschmacks einzuläuten.

Ein bekanntes Nobelkaufhaus sprang direkt auf den Zug auf und machte ebenfalls die Blogger für rückläufige Umsätze verantwortlich: Kunden hätten sich bereits an den Styles sattgesehen, wenn sie nach Monaten endlich in die Läden kämen. Oder aber, weil die Produkte gefühlt an Exklusivität verlören, wenn sie bereits auf jedem fünften Instagram-Account zu sehen waren.

Mode wird eben auch im High-Class-Segment demokratisiert: Modenschauen werden gestreamed oder aber dem breiten Publikum zugänglich gemacht. Ein Beispiel ist die diesjährige Modenschau Spring/Summer 2017 von Tommy Hilfiger, die erstmals öffentlich auf einem New Yorker Pier stattfand.

Die sogenannten Influencer – Blogger oder Social-Media-Botschafter – bekommen Outfits vorab zur Verfügung gestellt. Sie stellen sie einem großen Publikum vor, schon bevor die Printmagazine die Druckerpressen verlassen. Die einstigen Mode-Instanzen sind damit nicht mehr die Ersten, die eine neue Kollektion stilprägend präsentieren. High Fashion ist längst kein elitärer Club mehr, was dessen ehemalige Torwächter in den Hochglanz-Fashionmagazinen und Nobelkaufhäusern besonders ärgern dürfte.

Doch die Unlust am Kleidungskauf ist nicht nur ein Phänomen im Hochpreis-Segment.

Auch bei erschwinglicherer Mode greifen die Konsumenten lange nicht mehr so beherzt zu, wie das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Natürlich leidet der stationäre Handel gerade im Textilbereich massiv unter der Konkurrenz aus dem Internet. Kostenloser Versand und Retouren, wie sie im Fashionbereich exzessiv angeboten werden, machen es den Kunden einfach und bequem. Viele meiden daher gern die Einkaufszentren und Innenstädte (sowie deren uneinladende Umkleidebereiche) und probieren lieber zuhause an – wenn’s nicht gefällt, wird es eben zurückgeschickt.

Die Schuld alleine auf die Onlinehändler zu schieben, wäre aber zu kurz gegriffen. Auffällig ist, dass sich viele Konsumenten generell nicht mehr so einfach zu Impulskäufen verleiten lassen. Der Umsatzeinbruch ist gerade bei den Millennials besonders drastisch, sowohl online als auch stationär. Statt für Kleidung scheinen die Millennials ihr Geld mittlerweile lieber für Erlebnisse wie Reisen oder teure Restaurantbesuche zu sparen –„Collect moments, not things“ ist zum Mantra dieser Generation geworden.

Die Erklärungsversuche gehen in ganz unterschiedliche Richtungen: Sie reichen vom Fehlen revolutionärer Modetrends (denken wir z.B. an Schulterpolster) bis hin zum milderen Wetter, das saisonale Kleidungsanschaffungen im großen Stil unnötig macht. Hinzu kommen die, in meinen Augen, mittlerweile absurden Orderrhythmen des Textilhandels. Es mag Menschen geben, die im Hochsommer Daunenjacken shoppen; ich finde die Vorstellung eher abschreckend, in meinem Urlaub im Juli Winterstiefel anzuprobieren.

Ein weiterer Aspekt ist die Rabattpolitik im Textilhandel. In einer Branche, in der gefühlt das ganze Jahr über Ausverkauf herrscht, kauft kaum noch jemand zum Regulärpreis. Warum auch? Die nächste Rabattaktion kommt bestimmt und das nächste Outlet nicht weit. Das drückt die Margen und erzieht Konsumenten zu Sparfüchsen.

Noch hat die Bekleidungsindustrie die Chance, den Abwärtstrend aufzuhalten. Eine kluge Preispolitik und innovative Handelskonzepte, die Lust darauf machen, Mode zu entdecken und zu erleben, sind meiner Meinung nach die Mittel der Wahl.

Wie sehen Sie die Zukunft der Fashion-Industrie? Ich freue mich auf die Diskussion mit Ihnen!

Ihr Thomas Harms

 

Quelle: http://qz.com/793149/neiman-marcus-and-vogue-blame-the-fashion-worlds-woes-on-bloggers-and-bloggers-hit-back-calling-it-schoolyard-bullying/

 


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